SIMON SURJASENTANA
WEIMAR // Malerei
PIRUSAN MAHBOOB
ERFURT // Kaufmann, Meisterteppich Ostad Baf

Freundlich lächelnd empfängt mich Pirusan in seinem Teppichladen in Erfurt. Er tritt zur Seite, ich gehe hinein und setze mich. Persische Teppiche hängen an den Wänden, florale Ornamente, kräftige Farben. Der Raum wirkt warm, fast wie eine andere Welt.
Pirusan beginnt zu erzählen, von vergangenen Zeiten. Seine Geschichte klingt wie ein Märchen aus einer anderen Zeit. Er nimmt mich gedanklich mit nach Persien und wieder zurück nach Deutschland, wo er heute mit seiner Familie lebt. Er spricht ruhig, aber fesselnd. Ich höre zu.
Mein Blick wandert zu den Teppichen. Ich frage nach dem Handwerk. Er zeigt auf einen alten Teppich an der Wand. Vor Jahrhunderten, sagt er, sei er in einem kleinen Dorf von einem armen Menschen in mühsamer Handarbeit geknüpft worden. Die Ornamente seien über Generationen überliefert worden. Für wenig Geld verkauft, irgendwann in einem Trödelladen gelandet, dann von einem Teppichhändler weiterverkauft, immer teurer – bis er schließlich hier in seinem Geschäft hängt.
Er schaut erst den Teppich an, dann mich.
In diesem Teppich stecke so viel Arbeit, sagt er.
Er denke bei jedem einzelnen Teppich an den armen Handwerker von damals. Er sei ihm dankbar, weil dessen Arbeit heute auch sein eigenes Leben mitfinanziere.
Ich merke: Für ihn ist Kunst nicht einfach Ware. Sie ist Geschichte. Sie ist Arbeit. Und sie verbindet ihn mit einem Menschen, den er nie gekannt hat.
Pirusan betont immer wieder, wie sehr er Künstlerinnen und Künstler bewundert und wie wichtig ihm Kunst ist. Man spürt, dass es ihm ernst ist.
Ihm liegt sein Land am Herzen, die Menschen dort, das Leid, das geschieht. Er möchte es nach außen tragen. Er spricht von den Gräueltaten im Iran, aber auch von der Geschichte der Juden in Deutschland, besonders in Erfurt und Thüringen. All das, sagt er, müsse aufgearbeitet werden – durch Kunst.
Ich frage ihn, warum gerade durch Kunst. Es gebe doch so viele Möglichkeiten. Warum dieses Medium? Warum dieser Weg?
Er scheint meine Frage nicht wirklich zu verstehen.
Ich frage weiter, möchte mehr über diesen Mann erfahren. Doch er kehrt immer wieder zur Kunst zurück. Er spricht von Hafis, von Goethe, vom „West-östlichen Divan“. Er erzählt, dass er wegen Goethe nach Weimar gekommen sei. Er berichtet von einem Kunstfestival in Weimar. Immer wieder frage ich nach seiner Intention und immer wieder betont er nur seine Liebe zur Kunst und ihre Bedeutung.
Dann erzählt er mir, wie schön die iranische Dichtung sei. Dass dort jeder Hafis kennt. Dass man mit fast jedem Menschen über Kunst sprechen kann.
Er sagt, er fahre im Iran besonders gern Taxi. Fast jeder Taxifahrer kann Hafis zitieren. Man beginnt ein Gespräch und landet irgendwann bei Gedichten. Literatur sei dort kein Spezialwissen, sondern alltäglich.
Und wenn man eine wichtige Frage im Leben hat, zur Hochzeit, zu einem Umzug oder zu einer Entscheidung, nimmt man den Gedichtband von Hafis in die Hand, schlägt ihn blind auf und tippt auf eine Stelle. Der Vers, auf den man trifft, wird wie ein Orakel gelesen.
In diesem Moment beginne ich zu verstehen.
Deshalb versteht er meine Frage nach dem Warum nicht. Für ihn stellt sich diese Frage nicht. Für ihn, und für viele Menschen im Iran, ist Kunst kein Mittel, kein Instrument. Sie ist Teil des Lebens. Sie ist selbstverständlich.
Und da denke ich über mich nach.
Obwohl ich selbst Künstler bin, stelle ich mir ständig die Frage nach dem Warum.
Ich versuche, Kunst zu erklären.
Zu begründen.
Zu rechtfertigen.
Dabei gibt es vielleicht gar kein Warum.
Kunst ist da.
Sie ist Teil von uns.
Am Ende sprechen wir über unsere Familien und unser Leben. Wir trinken Tee. Das Gespräch will nicht enden.
Was als mögliche Spannung begann, wurde zu einer echten Begegnung.
Ich gehe versöhnt.
Und inspiriert.
Simon Surjasentana
