DENNIS KLOSTERMANN
WEIMAR // Design, Illustration, Freie Kunst
KATJA MITTELDORF
NORDHAUSEN/ERFURT // Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion DIE LINKE, Mitglied des Landtags

Das Treffen fand im altehrwürdigen Residenz-Café in Weimar statt, meinem heimlichen zweiten Büro. Der Raum war lebhaft, der Kaffee frisch. Gegenübers saß ich Katja Mitteldorf, Politikerin – ein Blind Date, das sich wunderbar ergänzte. Es entspann sich ein lebhafter Austausch über uns, unsere Arbeit, das eingereichte Bild, Assoziationen und Urlaubsziele, doch auch über Parallelen zu Orten der Inspiration und zu Fragen, wie viel Freiheit eine Gesellschaft sich leisten kann. Alltägliche Rituale, Verkehrssituationen und weitere Themen betrachteten wir im Kontext des Wandels.
Die neun Begriffe tauchten als gemeinsamer Grundklang wieder auf: Kunst, Versprechen, Reflexion, für alle, Menschen, und Zukunft – gemeinsam. Mal im Satz, mal als wiederkehrendes Motiv.
Die Idee war, aus dem Gespräch heraus wiederkehrende Begriffe zu einem Text zu verweben, jeder mit seinem Background – der einzige Unterschied: Die Begriffe Kunst und Politik.
Eine Arbeitsweise, die meiner künstlerischen Sehweise ähnelt: beobachten, was geschieht, größtmögliche Freiheit zulassen und mich am Ergebnis erfreuen.
Grießbrei
Ambivalenz
Osterinseln
verpflichtend
Hashtags
Relevanz
Emojis
Roadtrip
ChatGPT
Kunst – Politik
„Der Sinn von Politik ist Freiheit!“ (Hannah Arendt)
In Zeiten, in denen Kunst darauf reduziert wird, so leicht verdaulich wie Großmutters Grießbrei sein zu müssen und politisches Handeln sich so weit vom Kern der freiheitlichen Demokratie zu entfernen scheint, wie die Osterinseln von Erfurt weg sind, lebt es sich so dahin in dieser Ambivalenz. In einer Realität, in der immer weniger Politikerinnen und Politiker, aber auch Kunstschaffende, sich klar positionieren wollen, aber es verpflichtend müssen! Wir sind mitten im schlecht geplantesten Roadtrip aller Zeiten, ohne Winterreifen und Schneeketten im Tiefschnee, die nächste Tankstelle ist auf keiner Karte verzeichnet. Niemand kommt uns retten. Aber retten wir uns mal selbst?
Vielmehr - so scheint es mir - klöppeln wir alle gemeinsam am Scheitern unserer Zeit, im vollen Bewusstsein. Denn ahnungslos kann in diesem Fall niemand mehr sein.
Wir hören nicht zu. Wir reden. Permanent. Denn: zu jedem Thema braucht es heutzutage eine Meinung. Eine Meinung, die all zu oft mit Ahnung verwechselt wird. Wir wissen, dass wir nichts wissen, aber wer nichts weiß, ist raus. Wer keine Meinung zu jedem kleinen gesellschaftlichen Umstand kundtun kann, besonders als Politikmensch dieser schnelllebigen Welt, verliert an Relevanz. Zumindest soll der Eindruck erweckt werden. Der Erwartungsdruck ist groß. Niemand darf mehr ahnungslos sein. Jede und jeder muss immer irgendwas sagen. Niemand fragt, bleibt neugierig oder denkt einfach mal laut. Wer fragt, ist doof. Ansagen sind gefordert. Politik lebt deshalb von der schnellproduzierten Schlagzeile, von gehämmerten Hashtags und dem Sammeln wütender oder zustimmender Emojis unter dem Post. Na herzlichen Glückwunsch!
Diese Welt ist komplexer, vielschichtiger und sie verdient eine ganz andere Reflexion. Eine Reflexion, die Kunst schaffen kann.
Disruption, Irritation, selbst Gefälligkeit als Raum für ein Innehalten, ein Denken und Fühlen. All das, was der politische Raum nicht bietet, für den er nicht ausgelegt ist. Dabei sollte er das! Wenn wir aufhören, die nächste Schlagzeile zu jagen und stattdessen uns die Freiheit und den Raum erbeten, an langfristigen Konzepten und Ideen mit allem Für und Wider zu arbeiten, wären wir der Zukunft ein Stück näher. Wäre das nicht eine Einladung, gemeinsam ahnungslos daherzukommen, neugierig zu bleiben und nicht in die ChatGPT-Falle zu geraten, alles nur wohlwollend abzunicken oder vehement abzulehnen? Wo bleibt die Lust auf die Graustufen des Lebens, auf das Erforschen der Ahnungslosigkeit im besten Sinne? Auf das Finden neuer Farben, neuer Fäden, der eigentlichen Freiheit. Macht da jemand mit?
Wenn der Sinn von Politik Freiheit ist, dann muss das bedeuten, dass niemand jemand anderem vorschreiben kann, was Freiheit bedeutet. Gleichwohl darf politisches Handeln nicht nur die Freiheit einiger meinen sondern muss dies für alle ermöglichen. Auch für die Kunst. Sogar für die Kunst der Ahnungslosigkeit.
Katja Mitteldorf
Kunst und Ambivalenz – Die vielstimmige Dialektik des Zwiespalts
Kunst ist niemals ein abgeschlossener Raum, sondern ein offenes Feld des Werdens, ein Schauplatz, an dem sich Gegensätze in einem schwebenden Zustand der Ambivalenz begegnen und verweilen. Sie entzieht sich der Logik des Entweder-Oder und wird zum lebendigen Zeugnis des Paradoxen – jenes unauflösbare Geflecht aus Licht und Schatten, Ernst und Leichtigkeit, Nähe und Distanz, das das menschliche Dasein durchdringt. In dieser Spannung liegt nicht das Versagen der Kunst, sondern ihr tiefstes Wesen verborgen.
Eine besonders reizvolle Kunstrichtung, die diese doppelte Bewegung von spielerischer Freiheit und tiefgründigem Nachsinnen umarmt, lässt die Ambivalenz zur ästhetischen Maxime werden. FunArt – ein Begriff, der die vermeintliche Gegensätzlichkeit von Humor und Tiefe, von Spiel und Ernst bündelt – versteht Kunst nicht als bloßes Konsumgut, sondern als einen Prozess, der das Wahrnehmen herausfordert und das Verstehen immer wieder neu verhandelt. „Kunst soll nicht nur kognitiv erfasst, sondern sinnlich und emotional erfahren werden“, sagt der Künstler Horst Richter, „FunArt ist ein Tanz auf dem schmalen Grat zwischen profaner Heiterkeit und existenziellem Ernst.“
Wie ein langsam vor sich hin köchelnder Grießbrei erscheint die Kunst in ihrem ambivalenten Wesen: zunächst undefiniert, eine scheinbar homogene Masse, deren innere Struktur sich erst durch die geduldige Auseinandersetzung offenbart. Dieser Brei – zäh, körnig, widerständig – verweigert sich der Reduktion auf einfache Kategorien. Stattdessen lädt er ein, das Unfertige zu umarmen, das Unausgesprochene zu ertasten. Die monumentalen Statuen der Osterinseln stehen exemplarisch für diese doppelte Bewegung: Sie sind zugleich Ausdruck urtümlicher Schöpferkraft und Mahnung vor dem Verfall, Symbol ewiger Schönheit und Zerbrechlichkeit. Ihre Relevanz liegt gerade in dieser Unvereinbarkeit, die uns an die dialektische Natur von Werden und Vergehen erinnert.
In einer Welt, die zunehmend von der Beschleunigung digitaler Kommunikation geprägt ist, in der Inhalte auf Hashtags komprimiert und mit Emojis ornamentiert werden, stellt Kunst eine Oase des Ambivalenten dar – ein Raum, der das Bedürfnis nach endgültigen Antworten unterläuft und die Mehrdeutigkeit feiert. Ein gedanklicher Roadtrip durch diese künstlerische Landschaft offenbart ein Kaleidoskop widersprüchlicher Eindrücke: Humor und Ironie, Scheitern und Triumph, Provokation und Versöhnung verschmelzen hier zu einer Erfahrung, die zugleich irritiert und fasziniert.
Gerade diese Form der Kunst verweigert sich der Vorstellung, verpflichtend moralische oder politische Botschaften transportieren zu müssen. Sie nimmt sich das Recht heraus, verspielt und frech zu sein und dadurch dennoch tiefe Wahrheiten zu vermitteln. Wie die Künstlerin Maria Lopez beschreibt: „Es sind oft die unerwarteten Verquickungen, die uns am tiefsten berühren – die Freiheit, in der sich Spaß und Ernst verweben, ist das Herz der Ambivalenz.“
Diese Offenheit impliziert eine existentielle Verantwortung – nicht nur der Künstler*innen, sondern auch des Rezipienten, der sich auf das Wechselspiel von Widersprüchen einlassen muss. Ambivalenz bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern die Bereitschaft, im scheinbaren Widerspruch Verbundenheit und Sinn zu finden. Gerade in Zeiten der fragmentierten Aufmerksamkeit und digitalen Verdichtung, in denen unser Blick zwischen Emojis und Hashtags zersplittert, fordert Kunst zur Reflexion und Entschleunigung auf.
Der Charakter von Kunst als langsamer, offener Prozess wird am Bild eines Roadtrips besonders deutlich: Nicht das Ziel ist entscheidend, sondern die Erfahrung des Unterwegsseins, das ständige Neu-Sehen und Neu-Verstehen. Im verspielten Umgang mit Ambivalenz offenbart sich eine kreative Kraft, die Wahrnehmung erweitert, Horizonte öffnet und das Leben in seiner komplexen Vielstimmigkeit widerspiegelt.
„Kunst ist kein statisches Produkt, sondern ein dynamischer Prozess“, lehrte Pablo Picasso. Und genau dieser Prozess lebt von der Spannung zwischen Gewohntem und Unerwartetem, zwischen spielerischem Leichtsinn und existenzieller Tiefe. Die Kunst zeigt uns, dass das binäre Denken von Entweder-oder zugunsten eines vielstimmigen Sowohl-als-auch überwunden werden kann – und dass gerade in diesem dialektischen Zwischenraum ihre eigentliche Schönheit und Kraft liegen.
So wird Kunst zum Spiegel unserer eigenen Ambivalenzen, zu einem lebendigen Organismus, der uns lehrt, mit dem Zwiespalt zu leben, ihn zu feiern und aus ihm schöpferische Energie zu gewinnen. Wie ein dichter, ambivalenter Grießbrei ist sie weder glatt noch homogen – sie ist voller Körnigkeit, Widerstand und zugleich formbarer Substanz. In ihrer Vielstimmigkeit fordert sie uns heraus, nicht nur zu schauen, sondern zu sehen; nicht nur zu hören, sondern zuzuhören; nicht nur zu denken, sondern zu fühlen.
Dennis Klostermann
Beide Statements haben das ursprüngliche Werk schließlich verändert!


