RAINER JACOB
LEIPZIG // Fotografie, Bildhauerei, Objekte
HENDRIK NEUKIRCHNER
SUHL // Geschäftsführender Projektmanager, Provinzkultur e.V.

Tandem: Rainer Jacob / Hendrik Neukirchner - Videocall
Kunstwerk: „Kalinka“ („Putins Kacke“)
Zitate zum Wert der Kunst:
Rainer Jacob:
Ich lebe zwar in Leipzig, bin aber nicht nur in Thüringen geboren, sondern fühle mich auch wie ein Thüringer. Thüringen ist meine zweite Heimat. Aber ich bin keine Karteileiche, weshalb ich eben auch aktives Mitglied im Verband Bildender Künstler Thüringen bin.
Der VBK Thüringen ist für die Künstler in Thüringen bedeutender als viele andere landesweiten Künstlerverbände, weil er geschlossener auftritt und somit mehr Gewicht hat. In Sachsen gibt es mehrere Künstlerverbände – und jeder für sich marschiert zur Landesregierung, um Gelder für Projekte zu akquirieren. Das ist viel komplizierter als in Thüringen. Zudem ist der VBK Thüringen öffentlich sehr sichtbar, organisiert eigene Ausstellungen, betreibt eine Galerie für die Verbandsmitglieder, organisiert die artthuer – Kunstmesse Thüringen. Deshalb bin ich im VBK Thüringen, obwohl ich in Leipzig lebe.
Hendrik Neukirchner:
Wir haben aus der Not heraus als Kulturverein vor zwei Jahren die beiden Städtischen Galerien in Suhl und in Zella-Mehlis in der inhaltlichen und organisatorischen Betreibung übernommen, weil sich kein Galerist gefunden hat, der sich für das gebotene Jahreshonorar die Betreibung zugetraut hätte. Hätten wir die beiden Galerien nicht weiterbetrieben, dann wären sie, wie so viele andere vor ihnen, einfach geschlossen worden und somit von der kulturellen Landkarte Thüringens verschwunden. Mit dem Ehrenamt im Rücken ist der Betrieb für uns leistbar. Aber es ist traurig, dass sich die Städte und Gemeinden immer mehr von ihren kulturellen (freiwilligen) Aufgaben trennen.
Ich habe vor 16 Jahren im Auftrag des Verband Bildender Künstler Thüringen mit „KUNSTPFADE“ einen „Reiseführer“ durch die Kunstlandschaft Thüringens geschrieben. Dafür habe ich über 70 Thüringer Künstler ausführlich interviewt. Eine prägende Erfahrung war, wie intensiv die Künstler arbeiten müssen, um existieren zu können. Mit einigen wenigen Ausnahmen scheint das in der Öffentlichkeit manchmal vorherrschende Bild der rotweintrinkenden, zeittotschlagenden Bohème mit der Wirklichkeit nicht viel gemein zu haben.
Das massive Wegstreichen von Kunst am Bau und die sich immer weiter verringernde Vergabe von öffentlichen Aufträgen an Künstler sehe ich sehr kritisch. Wenn Kunst nicht mehr öffentlich sichtbar ist, fehlt nicht nur ästhetischer Blickfang, sondern Lebensqualität schwindet genauso wie Bildung und Wertevermittlung.
Zitate zum Kunstwerk:
Rainer Jacob:
Zuerst wollte ich inspiriert durch die Aussage von Wladimir Putin am 20. Juni 2025 aus seiner Rede auf dem internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg: „Wohin ein russischer Soldat seinen Stiefel setzt, das gehört uns!“ nur zwei „Kalinka“ tanzende Stiefel aus Birkenholz machen. Doch dann sah einer der Stiefel aus wie ein Plumpsklo. Also änderte ich das Vorhaben. Ein Stiefel ist nun als Klo mit durchgehendem Abflussrohr ausgearbeitet, aus dem man (Putin) „Kacke verschießen“ kann.
In meinen Arbeiten ist seit den letzten zehn bis 15 Jahren oft eine inhaltliche Aussage. Früher war das nicht so, da habe ich fast ausschließlich abstrakt gearbeitet. Seitdem es in unserer Gesellschaft und in der Welt aber an allen Ecken und Enden immer mehr knirscht und knackt, entstehen in mir auch viele künstlerisch neue Ideen, wird aussagebezogene Kunst mir wichtiger.
Der Ostblock ist Teil meiner Biografie. Ich war in der Russischklasse, die Abschlussfahrt ging nach Moskau und Uljanowsk. 2018 kehrte ich nach Moskau zurück, um nach 100 Jahren Oktoberrevolution, Sowjetmacht und „Elektrifizierung des ganzen Landes“ vergängliche Reliefs von Lenin und Putin und über 200 Steckdosen aus Eis fast 3Wochen lang an Wände zu frieren. Durch meine Sozialisation beschäftige ich mich mit Themen, die ich daher kenne. Es betrifft mich selbst und führt dazu, dass ich mit den Arbeiten teilweise radikaler bin. Es ist mein Ausdruck gegen die Putinsche Politik. Trump könnte aber genauso ein künstlerisches Thema von mir sein. Ich habe 2019 in Oslo Trumps Portrait als „Bullshit“- Eissticker (mit Kuhkacke von einem Bauernhof bei Leipzig) an eine rückseitige Mauer der amerikanischen Botschaft und an eine weitere Wand „I HAVE URINE“ aus Eiswürfeln neben einem Trump-Eissticker gefroren. Damit nahm ich Bezug auf das Zitat von Martin Luther King „I HAVE A DREAM“ und Trumps gegenteiligen Entwurf, mit seinem Urin nur das eigene Revier zu markieren: „Amerika first“. Aber ich habe nach Amerika weniger Bezugspunkte. Es gibt mehr Arbeiten mit Bezug zu Russland.
Ich habe auch als Schüler in der DDR meine Meinung bei vielen Anlässen kritisch geäußert. Ich habe nicht gemeckert, nein, ich wollte verändern. Und das ist auch heute noch so. Mit Meckern ändert sich gar nichts.
Wenn man sich immer nur in seiner Blase bewegt, dann kommt man nicht weiter, nicht vorwärts und nicht zurück. Man bleibt stehen und kommt somit auch der Wahrheit nicht näher.
Hendrik Neukirchner:
Für mich geht es in erster Linie darum, im Gespräch zu bleiben. Wenn wir nicht mehr miteinander sprechen können, also dann sozusagen schweigen, dann sprechen die Waffen.
Wir haben als Kulturverein 2024 in Suhl und 2025 in Meiningen zwei große Open-Air-Konzerte für den Frieden organisiert. Die beiden Konzerte waren als Signal von Künstlern und öffentlich wirkenden Akteuren zu verstehen, die sich gegen Krieg und für den Frieden auf dieser, unserer Erde positionieren. Uns ging es darum, mittels Kunst und Kultur möglichst viele Menschen zu erreichen, die dann gemeinsam mit den auftretenden Akteuren ein öffentlich wahrnehmbares Zeichen für Frieden und gegen Krieg setzten – und zwar überall auf dieser, unserer Welt. Wir waren froh darüber, dass es uns bei beiden Konzerten gelang, eine bunte Menge an künstlerischer Individualität, aber auch eine bunte Meinungsvielfalt zu vereinen. Man mag über die Wege zum Frieden streiten können, was alle Mitwirkenden jedoch einte, das war der Wille zum Frieden. Denn das ist der kleinste – und zugleich auch größte gemeinsame Nenner.
Das schönste Erlebnis bei den Friedenskonzerten war für mich, als sich die Musiker Wenzel, Tino Eisbrenner und Sebastian Krumbiegel, die ja beispielsweise bekanntermaßen völlig unterschiedliche Sichtweisen auf den Krieg in der Ukraine haben, nach dem Konzert in Meiningen noch zwei Stunden lang mitten in der Nacht über ihre Positionen zum Krieg ausgetauscht haben. Da wusste ich: Wir hatten alles richtig gemacht.
