Kati Münter

Erfurt
kati@kamuco.de

Collage, Assemblage, Objekt
Mitglied im Verband Bildender Künstler Thüringen

PSALM 23
Assemblage, 42 × 25 cm, 2007

Psalm 23 beschreibt am Anfang einen naturnahen Blick auf den Hirten mit seinem Stab, der die Herde zusammenhält. Es fühlt sich zunächst auch ganz wohlig an in der Rolle des Schafes, in der man sich nur um Fressen und Fortpflanzen zu kümmern braucht.

„Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.“

Dabei bleibt es aber nicht. Nach der Beschwörung einer Idylle, von der wir ja alle wissen, dass es sie so nicht gibt, kommen die ersten Fragen auf. Sie begegnen uns bereits in der zweiten Hälfte des dritten Verses:

„Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“

Der Name, von dem hier die Rede ist, ist der Gottesnahme J-H-W-H, den Luther im ersten Vers und ganz am Schluss mit HERR wiedergibt. Die hebräische Schrift spricht vom Namen Gottes und meint damit niemand anders als Gott selbst. Man könnte also vielleicht auch sagen: Er führet mich auf rechter Straße um seinetwillen. Was ist damit gemeint? Tut er es denn nicht für die Menschen? Sind wir ihm gleichgültig? Was ist das für ein Gott, von dem hier gesprochen wird? Die zweite Frage folgt:

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“

Dass der Herr uns beschützen muss, setzt voraus, dass es eine Gefahr gibt, und die benennt der Psalm mit dem Bild vom finstern Tal. Müssen wir tatsächlich durch ein finsteres Tal hindurch? Hier geht es um Angst. Der Psalmist spricht sich selbst Mut zu, wenn er sagt, er fürchte kein Unglück. Aber wer weiß schon von sich, wie er sich in der größten Not verhält? Vielleicht wie ein echtes Schaf, das sich zitternd und blökend an den Hirten drängt? Und was geschieht, wenn wir in der Dunkelheit nichts sehen und vom Weg abkommen? Mit Stecken und Stab kann man vielleicht wilde Tiere abwehren, aber keine Finsternis erleuchten! Haben wir wirklich noch die Möglichkeit, das Ruder herumzureißen und unsere Welt zu retten?

„Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“

Mitten im Psalm findet ohne Vorankündigung ein abrupter Szenenwechsel statt. Hier ergibt sich die dritte Frage. Gott ist nun nicht mehr der gute Hirte, sondern der Gastgeber, der uns ein Festmahl auftischt. Mit diesem Festmahl hat es freilich eine eigentümliche Bewandtnis: Es ist nicht das Schlaraffenland des Pieter Brueghel, in dem die Menschen faul und mit dicken Bäuchen um einen Baum herumliegen, sondern es ist ein Mahl, bei dem der Feind zuschaut. Der Gastgeber ist nicht der liebe Gott, der in seiner Barmherzigkeit die Sünden zudeckt und alle einlädt, mit ihm zu speisen, sondern es bleiben einige draußen vor der verschlossenen Tür. Wir aber dürfen von den göttlichen Speisen kosten. Welche Erfahrungen des Autors mögen diesem Bild wohl zugrunde gelegen haben? Und welche Erfahrungen machen die Menschen, die zu uns kommen und draußen vor der Tür bleiben? Und schließlich viertens:

„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“

Klingt wie eine Verheißung. Man bleibt immer bei Gott. Auch diese Zusage wirft beim näheren Hinsehen Fragen auf. Wenn mir Gutes und Barmherzigkeit folgen und mich zum Hause des HERRN geleiten wie ein Navigationsgerät, wo bleibt dann noch meine Verantwortung, wo mein Bemühen? Dieser Psalm konfrontiert uns mit vielen Fragen, die sich nicht einfach beantworten lassen.

Sie haben mich zu dieser Arbeit inspiriert. Hier befinden sich These und Antithese in einem Text. Die Verheißung, dass der Mensch nur durch Gottes Gnade Erlösung findet, entbindet uns nicht unserer Verantwortung. Es steht auf Messers Schneide, oder: Es ist 5 vor 12 Uhr.

Die Themenreihe WERT DER KREATIVITÄT ist ein Projekt des Verbandes Bildender Künstler Thüringen unterstützt durch die Thüringer Staatskanzlei  ·  Impressum