AKTIV – PASSIV
Öl auf Hartfaserplatte, 88 × 100,5 cm, 1985

JENG – JONG
Öl auf MDF-Platte, 102 × 124 cm, 2000

Die Bildfindung ist kein rationaler Vorgang, sie erfolgt auf intuitivem Wege. In der Einschätzung bringt das zunächst ein beträchtliches Maß an Unsicherheit mit, die sich nur langsam abbaut. So wurden einige, Ende der siebziger Jahre entstandenen Bilder, erst im größeren zeitlichen Abstand unter dem Titel „Polarität“ zusammengefasst.

Zufall oder nicht? Meine Begegnung mit scheinbar artfremden Gedanken zum naturwissenschaftlichen Weltbild brachte klärende Einsichten zu den bildnerisch dargestellten Gegensatzpaaren.

Mit der Erforschung der kleinsten Teile der Materie stießen die Physiker im atomaren Bereich auf ein Phänomen, das zunächst als ein unlösbarer Widerspruch erschien. Dass etwas als Korpuskel und zugleich als Welle erscheinen kann, hielt am Beginn des 20. Jahrhunderts über Jahre einen wissenschaftlichen Diskurs in Gang, bis man diesen Widerspruch als eine Eigenschaft der Materie anerkannte, und Nils Bohr dafür den Begriff der Komplementarität einführte. Gegensätze in einer komplementären Beziehung, das war eine radikal veränderte Denkweise. Zugleich erkannte man, dass diese Denkweise im östlichen Kulturkreis, im Hinduismus, Taoismus und ZenBuddhismus eine Jahrhunderte alte Tradition hatte. Als Beispiel sei hier auf das „I Ging“ verwiesen, ein Weisheits- und Orakelbuch, dessen Anfänge um die dreitausend Jahre zurückliegen. Auf dem Gegensatzpaar Yin und Yang und ihrem ständigen Wandel baut sich eine praktische Lebensphilosophie auf. Leben im Einklang mit diesem Wandel von Yin und Yang führt zu einem sinnvollen, harmonischen Leben.

Werden und Vergehen in der Natur wird als ein dynamisches Zusammenspiel polarer Gegensätze erkannt, dem eine umfassende Einheit zugrunde liegt. Im 20. Jahrhundert begegnet man diesen Gedanken in verwandter Form in den fortgesetzten Reflexionen der Physiker zur Quantenphysik.

Was hat das mit Bildender Kunst zu tun? Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte der Kunsthistoriker Werner Haftmann die Bildende Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den geistesgeschichtlichen Zusammenhang mit dem ebenso auf radikale Weise sich veränderten Weltbild gestellt, das im Wesentlichen von den Naturwissenschaften bestimmt wurde. Er prägte den Begriff vom Wirklichkeitsgrund, aus dem die Bildfindung auf Seiten der Kunst und die wissenschaftliche Erkenntnis auf der anderen Seite hervorgehen. Die evolutive Erkenntnistheorie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lehrt uns mit ihrem Kerngedanken, was unter Wirklichkeitsgrund zu verstehen ist: … Das Leben selbst ist ein erkenntnisgewinnender Prozess … Die Methoden in den so unterschiedlichen Disziplinen unterscheiden sich, bei den Inhalten zeigen sich, eben weil sie aus einem gemeinsamen Wirklichkeitsgrund hervorgehen, genreübergreifende Verbindungen.

Mit Johann Wolfgang von Goethe hatten die Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts einen Vordenker: … Ich hatte mir aus Kants Naturwissenschaft nicht entgehen lassen, daß Anziehungs- und Zurückstoßungskraft zum Wesen der Materie gehören und keine von der andern im Begriff der Materie getrennt werden könne; daraus ging mir die Urpolarität aller Wesen hervor, welche die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen durchdringt und belebt … Die „Urpolarität“ sah Goethe als Entwicklung bewirkendes Prinzip in der Natur, und wie im Taoismus war sie ein wesentlicher Aspekt seiner Weltanschauung. Am Beispiel des zweigeteilten Gingkoblattes legt Goethe mit dem Schluss im Gedicht „Gingo Biloba“ ein Bekenntnis dazu ab … Fühlst Du nicht an meinen Liedern, Daß ich eins und doppelt bin? …

Schon 1777 hatte Goethe in seinem Garten eine bildnerische Umsetzung des Polaritätsgedankens in Form einer Plastik mit einem in sich ruhenden quadratischen Kubus und der aufgesetzten Kugel als dynamischste aller Formen aufstellen lassen. Als bildnerische Form wurde der „Stein des guten Glücks“ von den Literaten allerdings nicht wahrgenommen.

These – Antithese in Gestalt polarer Gegensätze, die sich in fortwährender Wandlung befinden, im Taoismus als philosophische Weltanschauung und Anleitung zu einer harmonischen Lebensgestaltung, bei Johann Wolfgang von Goethe als „Urpolarität“, die … die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen hervorbringt …, im Weltbild der modernen Naturwissenschaften als dynamisches Wechselspiel in einer komplementären Beziehung.

Nähert sich ein Künstler mit der statischen Fläche als Malgrund, oder als Standskulptur dem Wandel gegensätzlicher Pole in ihrer komplementären Beziehung, so ist das zunächst paradox. Er kann nur eine momentane Konstellation zur Darstellung bringen, die auf das polare Zusammenspiel über sich hinauszuweisen vermag. Wie weit das gelingt, ist als Frage an den Betrachter gestellt.

Die Themenreihe WERT DER KREATIVITÄT ist ein Projekt des Verbandes Bildender Künstler Thüringen unterstützt durch die Thüringer Staatskanzlei  ·  Impressum