THESE UND ANTITHESE, UM CDF ZU DEUTEN
Collage, Tusche, Feder auf Karton, 60 × 44 cm, 2017

Im Widerspruch liegt vielleicht die Wahrheit
Deutung eines Bildes von Caspar David Friedrich

Der Weg zur Einsicht – wenn es hoch kommt, zur Wahrheit – verläuft zum einen, dem bisherigen Standpunkt zuzustimmen, zum anderen, ihm zu widersprechen, der These eine Antithese entgegenzusetzen. Dialektische Schlauheit zeigt sich darin, wenn Elemente der kritisierten Meinung mit den Elementen der eigenen, antithetischen, verschmolzen werden und sich eine Synthese ergibt. Den dialektischen Dreischritt theoretisierte Georg Wilhelm Friedrich Hegel in besonderer Weise.

Als Exempel diene hier die Deutung eines Bildes des romantischen Malers Caspar David Friedrich (CDF), wo für ein Gemälde im Museum Folkwang Essen in einem zugespitzten Streitpunkt These und Antithese aufeinander treffen.

Helmut Börsch-Supan schlägt die Entstehung des Bildes um 1818 vor, also die Zeit der Eheschließung mit Caroline Bommer. Zugleich benennt er aber das bisher „Frau vor der Morgensonne“ genannte Bild um in „Frau vor der untergehenden Sonne“. Wenn wir andere Beispiele vom selben Autor heranziehen, wie „Gedanke an den Tod“ im Bild „Frau am Fenster“ oder die „Jenseitsvision“ des Schwestern-Bildes, bezieht sich Börsch-Supan auf die Intention von CDF, der „das Ziel des irdischen Lebens im jenseitigen“ (sah).

Im Meinungsstreit verweist mich Börsch-Supan auf den Aphorismus von CDF:

„Warum, die Frag´ ist oft zu mir ergangen, Wählst du zum Gegenstand der Malerei So oft den Tod, Vergänglichkeit und Grab? Um ewig einst zu leben, Muß man sich oft dem Tod ergeben.“

Doch ich erwidere, CDF sagt „oft“ und „nicht immer“; und meint mit dem mehrmaligen Tod nicht den endgültigen Tod, sondern einen philosophisch aufgefassten Tod, im Sinne eines mehrfachen Abschieds, der an den Metamorphosen-Gedanken erinnert. So könnte die Trauung als ein Tod im nicht festzuhaltenden Anfang verstanden werden und als ein Auferstehen. „Auferstehen! Auferstehen! Ewige Fortdauer unseres unsterblichen Geistes!“ (CDF, Brief am 29.12.1820).

Da man auf entgegengesetzte Meinungen trifft, könnte – mit Werner Busch – auf die „tendenzielle Sinnoffenheit“ seiner Werke verwiesen werden. Aber gegen die „Deutungsoffenheit“ schrieb Reinhard Zimmermann ein Buch, in dem er zwar verdienstvoll alle Meinungen zum Bild zusammengetragen hat und auch feststellt, dass es zum Bild keine Äußerung des Künstlers gibt. Doch sein Ziel ist es, letztlich eine überzeugende Bildinterpretation liefern zu wollen, die mit Sachargumentation, alle Bilddetails prüfend, hergeleitet ist und Börsch-Supans Bildtitel beweist. Kunstwissenschaftler haben eine These entwickelt und verlangen, von ihr ausgehend, das Bild so zu sehen, dass diese stimmt. Nach Friedrich Nietzsche wirkt Überzeugtheit oft als ein gefährlicher Feind der Wahrheit. Die Argumente zur These, der Bildtitel sei „Frau vor der untergehenden Sonne“, sollen auf ihre Überzeugungskraft untersucht werden.

Kriterium einer sachgerechten Bildinterpretation bleibt nicht nur die Betrachtung aller Motive, sondern die genaue Feststellung von deren Eigenheiten wie die des künstlerischen Werkes insgesamt. Das ist die Basis, von der man ausgehen und zu der man immer wieder zurückkehren sollte, um die eigene Phantasie bei der Interpretation zu überprüfen.

In der Frage, ob im Gemälde die Frau im Morgenlicht steht oder vor der untergehenden Sonne, bringen die radialen Strahlen der Sonne als Bildmotiv nicht weiter, weil an ihm nicht erkannt werden kann, ob das Bild einen Sonnenuntergang oder eine Morgenstimmung zeigt.

Bedenkenswert ist die Vermutung, die konsensuell geworden ist, dass die Frau an einem unvermittelt endenden Weg steht. Doch wenn man diese Vormeinung abschüttelt, erkennt der sachliche Blick: Die junge Frau steht auf einer Erhöhung und wird weiter gehen können. Denn der Weg strebt nicht direkt der Sonne zu, sondern führt, dem geografischen Milieu folgend, in einer Rechtskurve, hinter dem rechten Felsbrocken am Feld entlang abwärts. Ähnlich dem Wanderer, der auf dem Weg nach Kletschen nach einer uneinsehbaren Strecke wird weitergehen können.

Mit dieser Wegwendung endet nicht der Lebensweg der Frau, sondern die bisher zurückgelegte Lebenswegstrecke. Die nächste setzt sich fort mit einem noch nicht erkennbaren Weg, den die junge Frau frohgemut im Glauben mit der aufgehenden Sonne beschreiten wird.

Die Kirche und die Felsen am Wege deuten auf ihren Glauben hin. Die Natur strahlt lebensvoll; und die am Boden sprießenden Blumen sind weniger Vanitas-Symbole, als es die junge Frau sein könnte. Ähnlich den Blumen auf dem Schwestern-Bild neigen sie nicht ihre Häupter, sondern strecken sie empor.

Auch der im Gemälde auftauchende böhmische Hohe Schneeberg (Decinsky? Snežnik) ist kein Vanitas-Motiv. Zwar besitzt der Berg auf einer Zeichnung eine sargähnliche Gestalt. Aber das Todesmotiv „Sarg auf frischem Grab“ hatte CDF vermutlich um 1836 gezeichnet. Damit trägt es das Lebensgefühl aus der Zeit des Schlaganfalls, also ein gänzlich anderes als das aus der Jugendzeit.

In der Zeit der Hochzeit – sollte das Gemälde um 1818 entstanden sein – in der Caroline als „munter, herzlich und lebensfroh“ (Wieland Förster) beschrieben wird, dürfte sich ihr der Beginn eines neuen Lebensabschnittes aufgetan haben.

Die Idee, den Berg in Sargform zu zeigen, entstammte folglich späterer, düsterer Zeit. Das Gemälde zeigt jedenfalls den Berg in bewegten Rundungen.

In der geographischen Untersuchung des Bergmotivs wurde konkret der Hohe Schneeberg benannt. Wenn Zimmermann hinter ihm den Sonnenuntergang feststellt, müsste er in seiner Sachargumentation darauf eingehen, von welcher Himmelsrichtung der Berg gesehen wurde.

Die vergleichbare Zeichnung „Landschaft im Elbsandsteingebirge“, 1806, zeigt, dass der westlich der Elbe liegende Hohe Schneeberg im Gemälde entweder vom Elbsandsteingebirge oder vom Kamm des Osterzgebirges her (Karl-Ludwig Hoch) gesehen wurde. Und wenn die Sicht auf den Hohen Schneeberg in östliche Richtung erfolgt, kommt nur der Sonnenaufgang in Frage.

Dieser Realismus sei – wie in vielen Fällen – dem romantischen Maler CDF unterstellt.

Nicht wenige Interpreten sind sich einig: Die Frau nimmt keine sich verabschiedende Haltung ein, sondern erhebt mit der feierlichen Gebärde einer Adorantin im Gebetsgestus bittend die Hände und begrüßt die Sonne wie die kommende Zeit. Wie im Lied „Der Morgen“ von CDF:

„Selig, wer vom Schlaf erquickt,
Wer mit frohem Auge blickt
Dankend zu dem Herrn.“

Das Gemüt der jungen Frau gleicht dem der Kinder, die sich freuen die „kommende Sonne“ begrüßen zu können, wie es im Tagebuch von CDF heißt, da (atmet) Friede, Freude und Unschuld und Leben die ganze Natur; doch erst wenn der „Himmel trübe und stürmisch“ (ist) und vor einem die ganze Natur (erblaßt liegt), „dann ruft mir (…) die sonst so herrliche Gegend Vergänglichkeit und Tod zu.

Der Sonnenaufgang ist zur Figura Christi erhoben, der „Zeitpunkt“, da der „Erlöser von Osten auf die Erde kommt, zur Morgenstunde der Ewigkeit“. In der feierlichen Begrüßung der Sonne wird der Beginn eines evangelischen Kirchenliedes „Morgenglanz der Ewigkeit“ aufgenommen, das endet, indem es in einer Synthese den Tod, das Vergehen, mit einbezieht:

„… und erweck uns Herz und Mut
bei erstandner Morgenröte,
Daß wir, eh wir vergehn,
recht aufstehn.“

Die Frau blickt nach Osten zur aufgehenden Sonne mit der Gebärde, allegorisch die Hoffnung auf den neuen Tag und die Zukunft auszudrücken, zugleich im Aufstehen das Vergehen zu bedenken.

Somit wird der Titel „Frau in der Morgensonne“ richtig sein.

Die Themenreihe WERT DER KREATIVITÄT ist ein Projekt des Verbandes Bildender Künstler Thüringen unterstützt durch die Thüringer Staatskanzlei  ·  Impressum